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Pizzagate, Fakenews und postfaktische Zeiten: was kann man noch glauben?

2. Dezember 2016
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„Verschwörungstheorie“ war gestern! Immerhin beinhaltet eine „Theorie“ noch die Möglichkeit, sich als wahr zu erweisen. Doch mit der Wahl Trumps zum US-Präsidenten, scheint in den etablierten Medien und der Politik ein neuer Kampfbegriff zu existieren: „FAKENEWS“ – da steckt dann auch nicht mehr die Möglichkeit drin, dass da eventuell doch etwas dran sein könnte. Paralell zu der neuen Debatte um die Fakenews, sorgt noch ein ganz anderer vermeintlicher Skandal in der US-amerikanische Medienlandschaft für Ausfsehen: Pizzagate!

wkmng– Gastkommentar von Gerhard Spannbauer

Kürzlich enthüllte Wikileaks gehackte Emails von Hillary Clintons Wahlkampfleiter John Podesta, die dessen mutmaßliche Kontakte in pädophile Kreise der Washingtoner Eliten offenlegen sollen. Unter diesen befindet sich ein Pizzaladenbesitzer, der gruselig schräge Kinderfotos auf seinem Instagramm-Account postet. Gleichzeitig bekommt Wikileaks-Gründer Julian Assange angeblich Besuch von Busenwunder Pamela Anderson, die ebenfalls Kontakte in jene Kreise pflegen soll und Assange gerüchteweise mit einem veganen Sandwich vergiftet. Die bizarre Mischung aus Fakten und Fiktion schlägt jedes Hollywooddrehbuch. Politiker nutzen das mediale Theater, um alle derartigen Geschichten zu „Fakenews“ zu erklären und endlich wirkliche „Kontrolle“ in den (sozialen) Onlinemedien zu fordern. Die Schlacht um die letzten unzensierten Informationskanäle ist eröffnet.

Mitte Oktober hatte Kanzlerin Merkel in ihrer umfassenden Weitsicht und Weisheit verkündet, dass wir in ein „postfaktisches Zeitalter“ eingetreten seien. Angesichts von „Hassbotschaften“ aller Art und eines von Lügen und Diffamierungen gekennzeichneten US-Wahlkampfs könnte man meinen, dass sie nicht ganz unrecht hat. Tatsächlich, jeder Depp mit einem Facebook- oder Twitterkonto kann heute brandgefährlichen Unsinn als „Nachricht“ verbreiten. Das muss im Sinne unserer politischen Schirmherren natürlich endlich „gezähmt“, sprich unterbunden werden. Doch was ist brandgefährlicher Unsinn und was ist Wahrheit? Ganz einfach: Wahrheit ist, was Merkel via Regierungssprecher Seibert, Bundespressekonferenz, Tagesschau und HeuteJournal in die Gehirne der Zuhörer pflanzt, Unsinn ist, was mit dieser Wahrheit nicht übereinstimmt. Jens Berger von den Nachdenkseiten schreibt zu Merkels „postfaktisch“:

merkel_2016Zwischen den Zeilen heißt „postfaktisch“ eigentlich nur, dass das Establishment erkannt hat, dass es die politischen Debatten der Gegenwart nicht mehr auf Sachebene führen kann, weil es faktisch die schlechteren Argumente hat. Immer mehr Menschen haben erkannt, dass der Neoliberalismus 99 Prozent Verlierer produziert und sie selbst dazu gehören. Sie glauben nicht mehr, dass man ganze Volkswirtschaften durch eine Kürzungspolitik sanieren kann. Immer mehr Menschen glauben auch nicht mehr daran, dass unser „freier Westen“ sich gegen einen „aggressiven Putin“ verteidigt und dass wir weltweit unsere Töchter und Söhne in Kriege schicken, in denen es um Frauen- und Menschenrechte gehen soll. Und weil all diese „Fakten“ nicht mehr geglaubt werden, leben wir nun in „postfaktischen“ Zeiten? Wenn das so ist, dann oute ich mich hiermit als Fan des „Postfaktischen“.

Heutige Elitenvertreter wie Merkel meinen offenbar, dass es vor dem Internet nie „Fakenews“ gab, dass es in den „seriösen“ Presseorganen nie Einseitigkeit und Lüge gibt, dass sie die alleinige Deutungshoheit haben und dass die Untertanen allesamt urteilsunfähige Trottel sind, denen man das Internet eigentlich gar nicht zumuten darf. Nur dort bringen nämlich böse Mächte Propaganda in Umlauf – „die russische Regierung allen voran, die mit Trollen und Propagandamedien die vom Westen gepachtete Wahrheit unterminiert.“

Im Falle Podesta und #Pizzagate lautet die Regierungswahrheit, dass diese Meldungen keine Beachtung wert sind. In den USA ist das Thema auch in den Mainstreammedien präsent, während es die hiesigen transatlantischen Chefredakteure komplett ausblenden. Wenn es behandelt wird, dann höchstens in einem Nebensatz und als mahnendes Beispiel für den „Fakenews“ Wildwuchs. Dabei ist an den Vorwürfen gegen Podesta und andere durchaus was dran. Es gibt zwar keine handfesten Beweise, doch an Indizien und seltsamen Zufällen mangelt es keineswegs. Sehr viele alternative Medien und Websites sind vom Realitätsgehalt des pädophilen Elitensumpfes überzeugt und haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Story zu erhärten und ein Verschwinden in der Versenkung zu verhindern. Besonders interessant ist hier der Beitrag von Wolfgang Eggert, der brisante Details zu und Verbindungen zwischen Clinton, Podesta, Pizzagate, Assange und – tatsächlich – Pamela Anderson zusammenträgt.

Allerdings sollte auch in dieser Richtung nicht vorschnell geurteilt werden – die Indizien reichen allesamt nicht aus, um Strafverfolgungsmaßnahmen wie Hausdurchsuchungen zu rechtfertigen. Selbst die abartigen Instagramfotos eines James Alefontis oder die fragwürdige „Aktionskunst“ einer Marina Abramovic muss man wohl unter dem Label „künstlerische Freiheit“ tolerieren.  Zweifel an der psychischen Befindlichkeit solcher Leute sind natürlich in jedem Falle berechtigt – ebenso wie der Verdacht, dass deren Aktionen, Aussagen und Verbindungen auf einen tieferen und dunkleren Sumpf hinweisen. Doch hier waren die „Truther“ in ihrer Aufdeckungsmanie wohl mal wieder übereifrig und haben mit ihrer Verschwörungshatz die wirkliche Aufklärung des Falls wohl eher behindert als befördert. Dieser Meinung ist zumindest Alexander Benesch, der anmerkt, dass dadurch vermutlich gar echte Täter gewarnt und Beweise vernichtet worden seien.

Mehr Klarheit dürfte sich hier frühestens dann einstellen, wenn Julian Assange wiederauftaucht und zu dem Thema Stellung bezieht. Falls er denn je wieder in Erscheinung tritt. Bis dahin haben die Gerüchte bestand, Assange sei in Zusammenhang mit seinem Podesta-Hack entführt oder umgebracht worden. Dann wäre es auch kein Wunder, dass die alternative Community noch mehr in Aufruhr gerät und dass die Lancierung der Begriffe „Fakenews“ und „postfaktisch“ als eiskalte Machtstrategie in einer medialen Propagandaschlacht gesehen wird. Einer Schlacht, die sich auch direkt gegen Wikileaks und Whistleblower im Allgemeinen richtet. Die Plattform und die alternative Onlinewelt sollen als „Fakenews“-Schleudern diskreditiert werden.

Dass die #Pizzagate-Story bizarrer als jedes Hollywooddrehbuch ist, macht es natürlich leicht, sie als lächerliche Fiktion abzukanzeln – gestern nannte man es noch Verschwörungstheorie, heute heißt es „Fakenews“. Unsere Meinung dazu: nur weil eine Story bizarr ist, beweist das nicht deren Unwahrheit. Genauso wenig wie eine Story nur deshalb wahr sein muss, weil sie nüchtern und langweilig daherkommt. Die Wirklichkeit ist oft genug noch durchgeknallter als Hollywoods Drehbücher. Alles in allem liegt der Verdacht nahe, dass #Pizzagate unter die Labels postfaktisch und Fakenews fallen und künftige Enthüllungen ohne nähere Betrachtung und Debatte begraben werden sollen. Doch solange es noch ein unzensiertes Internet mit Meinungsfreiheit gibt, wird jede Wahrheit früher oder später ans Licht kommen. Treten wir dafür ein, dass es so bleibt.

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