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TAG 10: Medialer Höhepunkt einer Friedensfahrt – und: Auf Umwegen in Putins Machtzentrale

16. August 2016
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TASSMOSKAU – Medialer Höhepunkt der Friedensfahrt: In den modernen Räumen der altehrwürdigen russischen Nachrichtenagentur TASS warben Tour-Initiatoren Rainer Rothfuß, Owe Schattauer und Sergey Filbert für eine grundlegende Neuausrichtung der deutschen Außenpolitik – vor allem gegenüber Russland. Parallel dazu besuchten andere „Druschba“-Fahrer einen Bio-Bauernhof. Unser NuoViso-Reporter Daniel Seidel hatte dagegen einen netten Tag in der Stadt.

Dank einer Live-Übertragung bei RT Deutsch verfolgen wir in der NuoViso-Redaktion die Pressekonferenz bei der TASS: Professor Rainer Rothfuß wird gefragt, wie er auf die Idee gekommen sei, die Fahrt zu machen. Er berichtet über den Werdegang des Projekts, seinen erstmaligen Vorschlag bei KenFM. Er sagt, „Wir sind mit ganz normalen Menschen hier. Der jüngste ist Vier, der Älteste 80, und dann haben wir eine 75-jährige Dame, die allein im Auto mit ihrem iPhone hierher navigiert hat“ – GANZ normal finden wir das nicht.

14054839_10205349449334726_1166586283_nOwe Schattauer: „Ich komme aus einer sehr liebevollen Familie. Daher habe ich einen sehr starken Gerechtigkeitssinn. Als Soldat der NVA war ich 1989 auf der Straße, habe dabei viel riskiert.“ Er habe sehr viel mit den Menschen auf dieser Reise gelacht – und geweint. „Egal wo wir waren, überall schlossen uns die Menschen sofort in ihr Herz. Überall wo wir waren, wurden wir bewirtet. Gestern erst kam auf einem Parkplatz ein einfacher Arbeiter aus Usbekistan oder Kirgistan zu uns, und sagte: ‚Komm, ich hab für Dich gekocht‘. Ich kam dann in das Zimmer mit den einfachen Pritschen, die Wäsche hing von der Decke. Er gab mir seinen Teller – er hatte nur den einen – es gab Suppe. Dann hat er mich lange umarmt und geweint.“ Als Geschenk holte Thomas von „Eingeschenkt.tv“ aus seinem Auto einen Fußball von der Europameisterschaft, die Deutschen haben Grüße drauf geschrieben und ihn ihm geschenkt. Das war ein sehr spontanes Treffen. „Jeder von uns hat auf dieser Reise schon mehrmals geweint. Die Russen haben die Sonne in ihren Herzen. Wir Deutschen können sehr viel von den Russen lernen. Dass wir uns an die Werte, die auch wir einmal hatten, wieder erinnern. Das sind: Bescheidenheit, Warmherzigkeit, Höflichkeit, Respekt und Gastfreundschaft.

Rainer Rothfuß erzählt von dem Ölgemälde von Christine Seibel, das er im Gepäck hat. „Wir hatten große Eile mit der Friedensfahrt. Nicht nur ich als Geopolitik-Analyst, sondern das sagen viele Andere auch, dass die gegenwärtigen Entwicklungen, mit Olympia, mit den NATO-Manövern usw., alle auf einen Konflikt vorbereiten sollen. Dem wollen wir entgegen treten.“ Er glaube nicht daran, dass sich die abgekühlten Beziehungen zwischen den Ländern irgendwann automatisch wieder verbessern würden. „Dafür haben wir eine Petition aufgesetzt, die bitte auch von russischen Menschen unterzeichnet werden soll. Ihre Stimmen wären natürlich nicht relevant für den Bundestag, aber sie wären ein großes politisches Symbol.“

Die Petition, die sich für eine umgehende Einstellung aller militärischen und politischen Feindseligkeiten gegenüber Russland ausspricht, fordert die Bundesregierung aber auch auf zur Verbesserung der Beziehungen zu Russland und Zusammenarbeit auf allen anderen Ebenen: Wirtschaft, Medien, Kultur, Wissenschaft. Zum Mitzeichnen der friedenspolitischen Willenserklärung geht es direkt hier: Petition ‚Frieden mit Russland‘

Eine Aufzeichnung der gesamten Pressekonferenz gibt es HIER

14037667_10205349417693935_1691157857_oNuoViso-Reporter Daniel Seidel berichtet von seinem ersten Abend in Moskau: Wir gingen gegen 23 Uhr auf die Straße und beschlossen vom Hotel aus in Richtung Kreml zu laufen, der im Herzen von Moskau liegt. Die Entfernung betrug nur 2 Kilometer, unser Hotel liegt im inneren Stadtzentrum. Es hatte aufgehört zu regnen, die späte Stunde fegte langsam die sonst quirligen Straßen nach und nach leer. So konnten wir in aller Ruhe unseren Spaziergang genießen und währenddessen die schönen Fassaden ins Auge fassen. Ein großes verschnörkeltes Haus in Form eines Spekulatius-Kekses, das mit goldwarm-farbenen Lichterketten versehen war, brachte mich ein weiteres Mal in weihnachtliche Stimmung. Am Ende des langen Boulevards, der in Hotelnähe begann, stehen traumhaft bunte und imposante Prunkbauten, am und um den Roten Platz herum. Das eine oder andere Gebäude kannte ich ja bereits aus Fotos und Videos. Aber das alles selbst zu sehen, ist etwas völlig anderes: Ein märchenhafter Anblick, den man auf Abbildungen nur schwer vermitteln kann. Ich genieße alles, was mein Auge erfasst. Wir spazierten auch über die Moskwa-Brücke am Kreml. Hier wurde am 27. Februar 2015 Boris Nemzow, der Oppositionsführer Russlands unter fragwürdigen Umständen ermordet, sein Tod dem Umfeld von Präsident Putin angedichtet. An dem ehemaligen Tatort erinnern noch heute Blumen und brennende Kerzen an die Tragödie.

Zum Abschluss des Spaziergangs gab’s noch ein Glas Bier in einer hübsch verspiegelten Bar. Als ich vollkommen erschöpft schließlich in mein Bett fiel, war es schon drei Uhr morgens.

Um 9.30 Uhr saß ich heute morgen am Frühstückstisch des Hotels – vom Buffett gab es Crepes, Salat, Blutorangen und Saft. Wir fuhren für umgerechnet 80 Cent die drei Stationen mit der Metro ins Stadtzentrum. Ticketkauf und Orientierung waren relativ unkompliziert. Weiter ging es zur Christ-Erlöser-Kathedrale bei der wir mit einer Viertel Stunde Verspätung um 11.15 Uhr als einer der ersten ankamen. Langsam entledige ich mich des wohl typisch deutschen Gefühls, ständig irgendwo zu spät zu kommen. Die Kathedrale ist eine echte Augenweide, nicht nur von außen. Drinnen durfte ich aber nicht fot14002399_10205349387973192_879020529_oografieren – schade. So gingen Martin und ich um die Kathedrale herum, begaben uns auf eine majestätisch anmutende Brücke über den Stadtfluss und knipsten von dort aus viele schöne Erinnerungsfotos, besonders in Richtung der Kathedrale. Sogar weiße Friedenstauben flatterten hier für uns herum. Aufgrund der weißen Farbe, der hohen Türme, der Größe und der breit angelegten Brücke, die direkt zur Kathedrale führte, das alles erschien mir ein wenig so, als würde ich vor dem indischen Taj-Mahal stehen. Das herrliche Wetter tat sein Übriges. In Moskau gibt es heute viel Sonne, bei herrlichen 20 Grad. Auf mehrfacher Empfehlung anderer Friedensfahrer die in der Zwischenzeit bereits in die Kirche hineingegangen waren, entschlossen wir uns auch mal, einen Blick hineinzuwerfen und wurden von dem vielen Prunk und den Wandmalereien nicht enttäuscht. Dafür trafen wir auf eine Gruppe Friedensfahrer, die sich eine Rundgang-Führerin gebucht hatten. Mit ihr fuhren wir im Lift auf die Aussichtsplattform der Kathedrale. Oben angekommen, war ich vom Atem beraubenden Anblick der Moskauer Skyline überwältigt. Wer Moskau besucht, sollte unbedingt diesen Aussichtspunkt besuchen. Der Kreml und der Rote Platz waren hier gut zu überblicken, auch das Business-Zentrum Moskaus mit seinen steilen, silbernen Wolkenkratzern machte von dort oben großen Eindruck auf mich.

15 Uhr: Wir gönnen uns in nächster Nähe das von russischer Prominenz gut besuchte Restaurant Vanil, wo wir in deutscher Sprache von einer entzückenden Empfangsdame zum Tisch gebracht werden. Am Tisch komme ich mit der stets gut gelaunten Friedensfahrerin Jadranka Dierkes aus Bochum ins Gespräch, mit der wir zuvor schon die Kathedrale besichtigt haben. Sie berichtet: „Seit 2014 bin ich aktiv in der neuen Friedensbewegung und verfolge genau, was in der Ukraine passiert. Heute sind wir durch die Stadt gelaufen und haben russischsprachige Flyer verteilt. Wir wollen zeigen, dass wir mit der russischen Bevölkerung miteinander in Frieden leben wollen und nicht gegen einander.“ Sie lobt das Gemeinschaftsgefühl der „Druschba“-Fahrer: „Jeder achtet auf den Anderen. Das finde ich sehr gut.“ Auch die Russen lobt sie: „Die Russen sind sehr gastfreundlich, sehr herzliche Menschen. Es passt überhaupt nicht mit dem Bild zusammen, das uns die Medien zuhause vermitteln. Ich bin froh, diese Reise mitgemacht zu haben. Vielleicht fahre ich nächstes Jahr noch einmal mit.“

Die Menge an Essen, die dann auf dem Teller liegt, kommt mir allerdings nicht generös vor. Man müsste wohl ein ganzes Menü bestellen, um satt zu werden – aber das kann ich mir in diesem teuren Schuppen nicht leisten. Meine Weggefährten speisen Penne und Hühnchen. Ich bestelle mir Wildreis mit Pilzen – das mit Abstand wohl das beste Reisgericht, das ich je gegessen habe. Wenn da nur die anschließende Rechnung nicht wäre: 5 Euro für ein kleines Glas Wasser und 8 Euro für einen Liter Bier.

14037541_10205349388013193_1949233006_oNun wollen wir uns den Kreml ansehen – Putins Machtzentrale, die ich aus dem Fernsehen nur als die finstere Höhle des Löwen kenne. Auf dem Weg dorthin müssen wir einen deutlichen Umweg laufen – es wird an einer neuen Unterführung gebaut. Insgesamt sieben Soldaten überwachen die Baumaßnahme. Mit Sicherheit sorgen sie mit strengen Blicken auch dafür, dass auch das Material verbaut wird, was im offiziellen Bauplan steht. Für uns haben sie dagegen ein Lächeln übrig – und winken uns freundlich zu, als wir sie grüßen. Freundlich lächelt kurz danach auch der Wachmann am Kreml, dem Jadranka nach dem teuren Essen versucht, statt eines Tickets einen „Druschba“-Flyer in die Hand zu drücken. Wir lächeln zurück – doch rein lässt uns der Mann ohne Geld leider nicht. Einen Geldautomaten entdecken wir auch nirgends. Putin bekommt heute also keinen Besuch von uns. Stattdessen schlendern wir lieber nebenan durch den Park. Jadranka verteilt noch einige Flyer, um die russische Bevölkerung auf unser Anliegen aufmerksam zu machen – den Frieden. Schon sind wir wieder da, wo wir gestern aus den Bussen gestiegen sind: Am Grabmal des Unbekannten Soldaten. Da gerade Wachablösung ist, herrscht großer Andrang.

17.15 Uhr: Martin und ich gehen nach der Verabschiedung von Jadranka zurück ins Hotel. Wir wollen heute Nacht wieder die Stadt unsicher machen. Ein paar Stündchen Schlaf sollten wir uns deshalb noch gönnen.


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