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TAG 8: Weliki Nowgorod: ‚Tausend Jahre Russland‘ in zehn Stunden Autofahrt

14. August 2016
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Tausend Jahre Russland (Titelbild)TWER – Ein langer Tag im Auto liegt hinter unseren Friedensfahrern: Auf dem Weg nach Twer machte NuoViso-Reporter Daniel Seidel Rast in der „Wiege Russlands“: In Weliki Novgorod gilt das Jahr 859 als die Gründungszeit ersten russisch-staatlichen Handelns.

08.58 Uhr: Nach wieder zu kurzen 5 Stunden Schlaf, der von Stechmücken gestört wurde, gönne ich mir bei Musik aus dem russischen Gute-Laune-Radio eine Dusche – mit exakt 34 Grad Wärme.

9.54 Uhr: Wir fahren los und holen Max von Eingeschenkt.tv von seiner Unterkunft ab, der uns bis Moskau begleitet. Unterwegs fangen wir noch ein paar Eindrücke der verregneten aber prunken Millionenmetropole ein. Mach’s gut, Sankt Petersburg – es war kurz, aber sehr schön mit dir!

11.22 Uhr: Die Schnellstraße zwischen Sankt Petersburg und Moskau ist anfangs durchaus gewöhnungsbedürftig. Sie ist fast durchgängig dreispurig, doch die mittlere Spur ist für beide Richtungen als Überhol- und Abbiegespur vorgesehen. Die Überholspur darf immer nur abwechselnd für beide von unserem und dem Gegenverkehr befahren werden. Entsprechende Markierungen und Verkehrsschilder sind zwar vorhanden, aber Martin hat Mühe, sich als verkehrsverwöhnter DeutFestungscher an das russische Spurensystem zu gewöhnen. Denn nach einem Kilometer ist spätestens die andere Spur wieder dran, was man beim Rhythmus des Überholens einplanen muss. Nicht einfach, wenn man bei SUVs, die LKWs überholen so gut wie nichts sieht.

13.02 Uhr: Wir fahren in die ehemalige Hansestadt Weliki-Nowgorod ein. Durch die erstmalige urkundliche Erwähnung im Jahr 859 gilt sie als die älteste Stadt und damit auch als die „Wiege Russlands“. Die historische Altstadt, mit ihren prächtigen Kirchen einem großen Kreml wurde 1992 zum UNESCO-Weltkultuterbe erklärt. Durchaus Argumente für alle Daheimgebliebenen, Nowgorod zu besuchen.

13.30 Uhr: Als Treffpunkt für den gesamten Konvoi ist eine Gasprom-Tankstelle des Ortes vereinbart. Doch als wir eintreffen, stehen nur vier „Druschba“-Fahrzeuge da. Am Spritpreis kann es wohl nicht liegen: Eine Tankfüllung Diesel kostet hier nur etwa halb so viel wie bei uns in Deutschland. Mit vollem Tank beschließen wir, auf eigene Faust in die Innenstadt vor zu fahren. Am Ufer des breiten Flusses Wolchow, der die Stadt mit Sankt-Petersburg verbindet, suchen wir uns einen Parkplatz. Dieser Fluss ist je nach Wasserstand gemessen flächenmäßig weitaus größer, als Bodensee und Müritz zusammen. Nicht weit entfernt vom Fluss entdecken wiGasprom-Tanksteller eine beeindruckende eine Statue, die einen Soldaten darstellt, der mit seinem Pferd ein Hakenkreuz zerschmettert. Weitaus mehr Aufmerksamkeit schenken wir aber dem aus roten Ziegelstein gebauten Nowgoroder Kreml, bei dessen Gesamtfläche von 12,1 Hektar man sicher eine Menge Zeit einplanen müsste, um ihn zu umrunden. Erst nach 300 Metern, die wir die Mauer mit Ausblick auf den Fluss entlang spazieren, erreichen wir das Tor, über das wir ins Innere der Festung gelangen. Ins Auge fällt gleich die Sophienkathedrale mit ihren goldenen Türmen. Das im Jahr 1050 fertig errichtete Gebäude ist die älteste russisch-orthodoxe Kirche, die über die Jahrhunderte in ihrer Fassade erhalten geblieben ist. Nicht ganz so antik ist das erst 1862 errichtete Nationaldenkmal „Tausend Jahre Russland“. Es wurde als Symbol für die damals 1000 Jahre bestehende Geschichte Russlands, seit dessen erster urkundlicher Erwähnung, errichtet. Das Denkmal ist international durchaus gut besucht, auch russische Touristengruppen bekommen ihre Informationen von ihren Gästeführern. Vor Ort treffen wir auf zwei weitere Friedensfahrer, mit denen wir in der Nähe der Festung am Ufer des Wolchow auf der Terrasse eines einfachen Lokals mehrere Arten von Schaschlik ausprobieren. Doch zwischen der ersehnten Mahlzeit und uns steht eine sprachliche Hürde, die es vorher zu überwinden gilt: Auch wenn es eine englischsprachige Speisekarte gibt, haben wir einige Mühe, der Gastwirtin unsere Essenswünsche mitzuteilen – die Belohnung schmeckt dafür gleich doppelt so gut.

Martin bemalt sein Auto15.45: Einen kurzen Verdauungsspaziergang später kommen wir an unserem Auto wieder an. Das Fahrzeug ist optisch dem zweiwöchigen Anlass noch nicht ganz gerecht geworden, finden wir. Unseren Druschba-Wimpel und die „Druschba“-Aufkleber an der Heckscheibe ergänzt Martin durch auffällige und große Schriftzüge auf seinem teuren Metallic-Lack – für diesen Akt zolle ich ihm Respekt.

16 Uhr: Dann geht es los in Richtung Twer. Wir haben noch einige Stunden Fahrt vor uns, kommen laut Navi erst 21 Uhr an. Nicht wenige Friedensfahrer haben sich Nowgorod geklemmt und sind direkt nach Twer durch gefahren. Ich finde aber, dass es sich sehr gelohnt hat, den Geburtsort Russlands zu besuchen. Die Weiterfahrt an sich gestaltet sich monoton für Fahrer Martin, nur wir Reporter im Auto haben zu tun, unsere Erlebnisse nieder zu schreiben. Dennoch lasse ich mich immer wieder durch den Verkehr oder die mehr oder weniger vorhandene Landschaftskulisse ablenken. Zwei Mal rasten wir kurz am See, um fürs Auge ein wenig Abwechslung zu bekommen. An der schnurgeraden Hauptstraße liegen immer wieder kleine Ortschaften, in denen sich ein Holzhaus nach dem anderen reiht. Die Bewohner müssen wohl zu den ärmsten des Landes gehören. Einige Häuser sind in so schlechten Zuständen, dass man genauer hinschauen muss, ob es noch bewohnt ist oder nicht.

18.04: (…) 20.52 Uhr: Wir geraten in einen Stau und bemerken, beim Bremsen, dass der Wagen klackende Geräusche macht. Fünf Minuten später hat René das Problem erkannt und entfernt einen kleinen Stein an der Bremsscheibe. Am Horizont des rosaroten Himmels geht die Sonne in dramatisch leuchtenden Farben unter.

Der Stau zieht sich aber. Wir drehen wie jeden Tag das Lied „Druschba – Freundschaft“ in voller Lautstärke auf, schwenken die deutsch-russische Friedensfahrer und sorgen bei offenem Fenster ein wenig für Stimmung. Der eine oder andere Russe lächelt, winkt oder hupt uns zu. Einer ruft uns „Freundschaft“ zu, andere erhalten von René, der durch den Stau rennt, Flyer durchs Autofenster gereicht. Es geht nur im Schritttempo voran. Nicht wenige Russen donnern rechts von uns, auf einem nicht befestigten, sandigen Seitenstreifen, vorbei und riskieren Schäden an ihren Autos. In unserem Radio dudelt „Mein kleiner grüner Kaktus“ von den Comedian Harmonists, gefolgt von „Moskau“ von Dschingis Khan. Den Grund für den Stau erfahren wir fast eine Stunde später: eine Baustelle, zu hause kennen wir das. Kurz darauf fahren wir ins nächtliche Twer ein.

22.06 Uhr: Wir erreichen das „Comfort Hostel“. Hoffen wir, dass es auch komfortabel ist. Wir haben Hunger. Es ist ein Essen im Restaurant geplant. Morgen geht es nach dem mit 7.40 Uhr frühen Besuch des Bürgermeisters von Twer auch schon nach Moskau. Bevor ich einschlafe, male ich mir in Gedanken aus, was die russische Hauptstadt wohl für uns bereit halten mag.

In Moskau ist für morgen nachmittag die Einfahrt in die Innenstadt als Konvoi geplant, außerdem eine Kranzniederlegung am Denkmal des Unbekannten Soldaten. Wir berichten.


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